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Rezension von Tilmann Moser und H. J. Freyberger zum Buch "Ekel als Folge traumatischer Erfahrungen"


Tilman Moser:

Ein widerwärtiger Affekt
Ekel als Folge traumatischer Erfahrungen

Es hat die „die Nichtbeachtung des Ekels im psychotherapeutischen Diskurs schon eine längere Tradition“, schreibt der Giessener Psychoanalytiker Hans-Jürgen Wirth in dem hier besprochenen Sammelband. Das führt auch dazu, dass die wenigsten Psychotherapeuten eine sichere Selbsterfahrung mit dem Thema besitzen: es wurde bisher kaum gelehrt. Umso verdienstvoller ist die Veranstaltung des weltweit ersten Kongresses zum Thema Ekel durch das Leipziger Trauma-Therapeuten-Paar Ralf und Irina Vogt. Die Sammlung der Vorträge bedeutet einen Durchbruch, nicht nur der tiefenpsychologischen Ekelforschung, sondern auch des weiteren Umfeldes der Traumatheorie und -therapie, in das der Ekel eingebettet ist.

Die übereinstimmende Theorie der meisten hier vertretenen Forscher ist es, dass Ekel nicht nur eine unmittelbar physiologische Primärreaktion auf bestimmt Stoffe oder Gerüche darstellt, sondern dass er eine massive Abwehrreaktion ist auf traumatische Übergriffe wie Gewalt, Missbrauch, intensive Ohnmachtserfahrungen, wie sie auch schon der Säugling erleben kann, wenn sein noch unsicheres Selbsterleben grob verletzt wird durch Nichtachtung, Fehldeutung, Zwang und Ohnmacht, was er als tiefe Bedrohung seiner Person erleben kann, bis hin zur Vernichtungsangst.. Menschen in frühen Missbrauchs-oder Gewalterfahrungen können sich meist nicht wehren, sie erstarren, spalten sich, erbrechen sich, geraten in Todesangst, vor allem, sie können die überwältigenden Affekte nicht verarbeiten. Und die unbewältigten Bilder, das ist das Problem einer zerstörten einheitlichen Ichstruktur, werden in verschiedenen Abteilungen des frühen Körpergedächtnisses gespeichert, wo aus sie ihr Unwesen im Unbewussten treiben. Und die Scham hindert sie, das Erlittene anzusprechen, in der Angst, der therapeutische Partner könne das Thema und damit sie selbst nicht ertragen. Deshalb müssen neue therapeutische Zugangsformen gefunden werden, und das Buch bietet eine Fülle von szenischen Varianten, die die Tore zum Unbewussten öffnen können, immer im Schutz einer zuverlässigen Bindung an den Therapeuten. Menschen verinnerlichen auch die Zuschreiben „ekelhaft“ von nahen Bezugspersonen, und tragen sie als Selbstekel und Selbsthass oft lebenslang mit sich. Da die psychosomatischen Erinnerungsfragmente auf verschiedenen Ebenen aufbewahrt werden, schreibt die Psychoanalytikerin Renate Hochauf: „Deshalb laufen frühe Traumata oft als sensomotorische Matrizen stumm unter späteren Traumata, ohne durch klassische psychotherapeutische Methoden erfassbar zu sein.“ Diese Herausforderung wird von zahlreichen hier versammelten Forschern aufgenommen, die die engen Grenzen der orthodoxen Psychoanalyse zu überschreiten wagen.

Ralf und Irina Vogt haben „beseelbare Objekte“ entwickelt, mit deren Hilfe auch tief verborgene Affekte mobilisiert und bearbeitet werden können. Nur ihr Preis dürfte leider eine weite Verbreitung verhindern. Aber eindrucksvolle Bilder aus ihrer Praxis und Patientenberichte über die Vorzüge der Methode vervollständigen den wichtigen Band zur Erforschung des Ekels.

 

H. J. Freyberger (Stralsund/Greifswald):

In Leipzig existiert seit einigen Jahren ein Psychotrauma-Zentrum und ein Trauma-Institut, über das sehr interessante Symposien organisiert und veranstaltet werden. Die Beiträge des letzten Symposiums, dass sich mit dem Ekel als Folge traumatischer Erfahrungen beschäftigte, greifen dabei ein Thema auf, das in der Traumaforschung meiner Auffassung nach eine hohe Bedeutung hat, aber bisher relativ stiefmütterlich behandelt wird. Der Band gliedert sich in 6 Abschnitte.

In Abschnitt 1 werden Grundlagen und Übersichten zur Bedeutung des Ekelgefühls in verschiedenen Feldern von Psychotherapie und Gesellschaft, unter anderem in der analytischen Psychotherapie und in der Psychosomatik dargestellt.
In Abschnitt 2 geht es um Therapiekonzepte, Behandlungsmethoden und Fallberichten zum professionellen Umgang mit Ekelgefühlen. Hier finden sich unter anderem sehr interessante Beiträge zur Dialektik von Ekel als Abwehr und der Abwehr des Ekels, zur frühen Introjektion von Ekel im Rahmen komplexer Traumafolgestörungen, zu speziellen Behandlungskonzepten für die Bewältigung von Ekelgefühlen, die mit traumatisierenden Erfahrungen im Zusammenhang stehen.
Abschnitt 3 bringt ausgewählte Problemfälle der Behandlung von Ekelgefühlen in der psychotraumatisch-analytischen Praxis und Abschnitt 4 beschäftigt sich mit spezieller Forschung zum Ekelgefühl bei dissoziativen und anderen Psychotraumapatienten.
Abschnitt 5 behandelt spezielle Vorgehensweisen zur Prävention, körperpsychotherapeutischen Annäherung und stufenweiser Kompensation von Ekelgefühlen.
Und Abschnitt 6 enthält Selbstberichte von Klienten im Kontext von Ekel, Scham und Aggressionsbewältigung.

Dem Herausgeber Ralf Vogt ist es insgesamt gelungen, damit einen Band zusammenzustellen, der diesen wichtigen Aspekt wohl bisher einzigartig beleuchtet.


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